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Salzgitter-Zeitung - 02.09.2006 - Henning Noske

Notruf 112 - doch die Hilfe blieb aus

61-Jährige wurde auf Hausarzt verwiesen - Später mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht

SALZGITTER. Ihr war schwindlig, im linken Arm und in den Lippen kribbelte es, das Sprechen bereitete ihr große Probleme. Eine 61-Jährige befürchtete einen Schlaganfall, wählte den Notruf "112" - doch Hilfe blieb aus.

Die Rettungs-Leitstelle in Salzgitter-Lebenstedt verwies die Hilfesuchende auf ihren Hausarzt. Der sei aber im Urlaub, erwiderte die 61-Jährige. Daraufhin bekam sie zur Antwort, sie möge doch bitte den Anrufbeantworter ihres Arztes anrufen, um per Tonbandansage zu erfahren, welcher Arzt denn Vertretung habe.

Der Kranken gelang es dann noch, ihre Tochter Britta Weidemann anzurufen. Die alarmierte die Rettungsleitstelle in Braunschweig.
Britta Weidemann ist empört: "So geht es nicht. Sie hätte sterben können." Ihre Mutter wird mittlerweile mit Verdacht auf Schlaganfall in Braunschweig behandelt.

"Ihre Wut und Verstimmung kann ich sehr gut nachvollziehen", erklärt der Leiter der Berufsfeuerwehr in Salzgitter, Wolfgang Jainta. Es müsse geklärt werden, wie es so weit kommen konnte. Seitens der Rettungs-Leitstelle, wo der Notruf 112 aufläuft, hätten detaillierte Rückfragen über den tatsächlichen Gesundheitszustand der Frau gestellt werden müssen. Dies sei offenbar unterblieben.

"Gerade ältere Menschen sollten ihr Anliegen bestimmt vorbringen, die Ernsthaftigkeit deutlich machen", sagt Wolfgang Klages, Sprecher der Polizeidirektion Braunschweig. Helfe dies nicht, könne ausnahmsweise der Notruf "110" gewählt werden.

FAKTEN

 

"Ein Notruf muss doch ein Notruf bleiben"

Verdacht auf Schlaganfall: Wie eine 61-Jährige "112" wählte und keine Hilfe bekam - Experten: Jede Sekunde zählt

Britta Weidemann (39) versteht die Welt nicht mehr. Da hat ihre Mutter angesichts eines möglichen Schlaganfalles alles richtig gemacht - und dann so etwas. "Es heißt doch immer, man soll sofort Notruf "112" anrufen und es kommt auf jede Sekunde an."

Das ist richtig. "Keinesfalls sollte abgewartet und zunächst der Hausarzt aufgesucht werden", rät dringend die Uni Köln unter Berufung auf eine Studie an ihrem Zentrum für Neurologie und Psychiatrie. Alle Experten wissen: Über den Notruf "112" kommen weit mehr als die Hälfte der Patienten rechtzeitig zur Akutbehandlung ins Krankenhaus. Bei denjenigen, die zum Hausarzt gehen, ist es nicht einmal ein Fünftel.

Solche Zahlen kannte die 61-Jährige nicht, als sie Mittwochfrüh kaum noch aus ihrem Bett aufstehen konnte. Tochter Britta Weidemann berichtet: "Sie hatte keinen Gleichgewichtssinn mehr, hatte ein Kribbeln im linken Arm und in den Lippen. Das Sprechen bereitete ihr große Probleme."

Das alles kann auf einen Schlaganfall hindeuten. Die 61-Jährige schaffte es noch bis zum Telefon. Sie wählte die einzige Nummer, die ihr einfiel: 112.

Der Anruf wurde von Vechelde-Vallstedt im Landkreis Peine merkwürdigerweise in die Rettungs-Leitstelle der Berufsfeuerwehr nach Salzgitter-Lebenstedt gelenkt. Normalerweise wäre die Leitstelle in Braunschweig zuständig gewesen. Schließlich werden hier die Einsätze für Landkreis Peine und Stadt Braunschweig gemeinsam koordiniert.

Dauernd gehen Notrufe ein, die keine sind

Doch wer den Notruf "112" wählt, hat Anspruch auf Hilfe - wo auch immer der Anruf eingeht. Professionelle Rettungs-Assistenten auf der Leitstelle müssen eine eigens vorgegebene Checkliste beachten (siehe "Dokumentation").

Oberster Grundsatz: Es könnte um Sekunden gehen, um ein Leben zu retten oder schwere Schädigungen zu verhüten.

In der Praxis ist das aber komplizierter. Dauernd gehen Notrufe ein, die gar keine sind. Die Leitstelle in Salzgitter-Lebenstedt zum Beispiel muss auch noch den kassenärztlichen Notdienst koordinieren. Wenn bei den Ärzten die Tonbänder laufen, klingelt auf der Leitstelle laufend das Telefon. Aber das kann die hilfesuchende Frau nicht wissen und das interessiert sie auch nicht. Sie möge doch bitte ihren Hausarzt anrufen, teilt ihr der Beamte der Leitstelle auf ihren Notruf hin mit. Es geht ihr schlecht. So schlecht, dass die Ärzte auf der Neurologie in der Salzdahlumer Straße in Braunschweig jetzt herausfinden müssen, ob sie einen Schlaganfall erlitten hat. Das Ergebnis wird in der kommenden Woche vorliegen.

"Wir als Laien merkten sofort, dass Gefahr bestand"

Ihr Hausarzt sei in Urlaub, sagt die 61-Jährige. Über die Antwort berichtet die Tochter: "Sie möge doch bitte bis um 8 Uhr warten und dann noch einmal bei ihrem Arzt anrufen, um dann die Tonbandansage abzuhören, welcher Arzt denn Vertretung habe." Und das macht sie wirklich wütend.
 
Wie aber ging es weiter? Die 61-Jährige erinnerte sich, unter welcher Taste die nächsten Angehörigen im Telefon abgespeichert waren - und drückte.
Tochter Britta Weidemann: "Wir als Laien merkten dann sofort, dass Gefahr im Verzug war und alarmierten die Rettungs-Leitstelle in Braunschweig." In der Notaufnahme des Klinikums schließlich fiel ihr ein Plakat auf: "Notruf 112. Das Leben wählen".
 
In der Berufsfeuerwehr Salzgitter-Lebenstedt ist Leiter Wolfgang Jainta um Aufklärung bemüht. "Teilweise ist es so wie geschildert", sagt er, nachdem er das Band abgehört hat. Alle eingehenden Notrufe werden aufgezeichnet.

"Die Frau hat lediglich von Kopfschmerzen berichtet. Und ihr sei unwohl", sagt er. Von Schlaganfall-Symptomen sei nicht die Rede gewesen. Experten wissen jedoch, dass Patienten in ihrer Not oft nicht selbst die Schlüssel-Begriffe nennen können. Deshalb muss nachgehakt werden. Offensichtlich ist das in diesem Fall nicht vorschriftsmäßig geschehen.

Das wird jetzt untersucht. Salzgitters Feuerwehr-Chef Jainta will die Angelegenheit im Gespräch mit seinem Mitarbeiter klären, damit so etwas künftig nicht möglich ist. "Wenn notwendig, werde ich in meinem Hause Vorsorge treffen, dass es zukünftig zu keinen Unregelmäßigkeiten kommt", schrieb er an Britta Weidemann. "Das ist in Ordnung. Man nimmt die Sache dort sehr ernst - und das wollte ich erreichen", sagt sie. Es könne doch nicht angehen, dass man dem Notruf 112 nicht mehr vertrauen könne. Deshalb habe sie sich fürchterlich aufgeregt.

Jährlich kommt es zu 170000 Schlaganfällen

Heraus kommt nun aber auch ein Missstand, den Feuerwehr-Chef Jainta wörtlich als "postalischen Mist" bezeichnet. Es ist nämlich kein Einzelfall, dass Anrufe aus dem Peiner Bereich nach Salzgitter geleitet werden, obwohl sie in Braunschweig auflaufen müssten.
 
Eigentlich hätte die Leitstelle Salzgitter nach dem Eingang des Notrufes aus Vechelde-Vallstedt sofort die zuständigen Kollegen in Braunschweig alarmieren müssen. Von dort hätte der Rettungswagen alarmiert werden müssen.

Das nötige Vertrauen in den Notruf 112 wecken solche überflüssigen Umwege allerdings nicht. Jährlich kommt es zu 170000 Schlaganfällen in Deutschland. Meist werden sie durch eine akute Durchblutungsstörung des Gehirns hervorgerufen. In der Notfallsituation ist allerhöchste Eile geboten, so sagen Experten, weil das Hirngewebe nur wenige Zeit ohne ausreichende Sauerstoffversorgung überlebt. Dann drohen auch Lähmungen und Sprachstörungen.

"Wir hoffen, dass noch alles gut geht"

"Wir hoffen, dass bei meiner Mutter doch noch alles gut geht", sagt Britta Weidemann. Dann hätte die Sache vielleicht auch ihr Gutes gehabt und manchen aufgerüttelt: "Ein Notruf muss doch ein Notruf bleiben."

 

DOKUMENTATION

Check-Liste: So muss ein Notruf bearbeitet werden

  • Abheben des Hörers nicht später als 10 Sekunden nach dem ersten Läuten
  • Erheben von Einsatzort und Rückruftelefonnummer
  • Leitsymptom (Falls Indikation schon klar: Notarztwagen-Alarmierung)
  • Frage nach dem Alter
  • Vitalfunktionen abfragen
  • Bewusstseinslage (falls Indikation klar: Notarztwagen-Alarmierung)
  • Normale Atmung (falls Indikation klar: Notarztwagen-Alarmierung)
  • Falls noch immer unklar, Abfrage weiter nach Protokollschema

Notfallgeschehen (möglichst genaue Beschreibung)

  • Störungen des Herz-Kreislauf-Systems (Herzbeschwerden, Brustschmerzen, Atemschwierigkeiten, Schwitzen, Änderung der Hautfarbe, Ohnmacht, Taubheitsgefühl, Lähmungserscheinungen, Sprachprobleme)
  • Unfall (Sturz und Sturzhöhe, Anzahl der Verletzten, gefährliche Güter, Explosion, Patient eingeklemmt, Patient aus Auto geschleudert, Ertrinken, Stromunfall)
  • Vergiftung (Drogen, trizyklische Antidepressiva, Säuren oder Laugen)
  • Geburt, Schwangerschaft (Schwangerschaftsmonat, Wehen, Blutung)
  • Verbrechen (Schuß- und Stich Verletzungen, Vergewaltigungen)

Notfallentwicklung

  • Plötzlich, langsam, chronisch (spätestens jetzt Entscheidung, ob und wenn ja, welches Rettungsmittel und Alarmierung einschließlich Leitsymptom/Anrufgrund)

(Es folgen weitere Punkte: Erste-Hilfe-Maßnahmen, Vorerkrankungen, Verletzungen, Gefahren vor Ort, die Red.)
Quelle: Berufsfeuerwehr Salzgitter

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