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Salzgitter-Zeitung - 25.08.2007 - Peter Gamauf
Klinikarzt: Betriebsklima miserabel
SZ-Interview: Mediziner nimmt zu Themen
Personalabbau und Ärztemangel am Klinikum Salzgitter Stellung
SALZGITTER. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert, dass am Klinikum Salzgitter
seit der Übernahme durch die Rhön Klinikum AG etwa 25 Prozent der
Vollzeit-Pflegestellen abgebaut worden seien.
Patienten beklagen gegenüber der
SZ-Redaktion ebenfalls, dass nicht genügend Pflegepersonal auf den Stationen
sei, die Belegschaft spricht von Überlastung und einem schlechten Betriebsklima.
Niedergelassene Ärzte machen darauf aufmerksam, dass in der Inneren Abteilung in
Lebenstedt Ärztemangel herrsche. SZ-Redakteur Peter Gamauf sprach darüber
mit einem Arzt, der seit vielen Jahren am Klinikum Salzgitter arbeitet. Seinen
Namen möchte er nicht nennen.
Vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren ging die Klinik in den Besitz der Rhön-AG
über. Wie haben Sie den Wechsel erlebt?
Die städtische Klinik war hoch verschuldet.
Nicht zuletzt deshalb haben Ärzte und
Personal zu Beginn große Hoffnungen in den Wechsel gesetzt. Hoffnungen, dass ein
potenter Geldgeber den Investitionsstau auflösen würde, was zum Beispiel
technisches Gerät angeht.
Ist das geschehen?
Ja, anfangs sogar relativ schnell. Geräte, die lange überfällig waren, wurden
angeschafft, das Klinikum wurde auf den neuesten medizinischen Stand gebracht.
Das war gut. Aber heute ist es so, dass
jede größere Investition ein Jahr voraus angemeldet werden muss. Der
Rhön-Konzern ist unflexibel, die Entscheidungswege sind lang. Manchmal passiert
einfach gar nichts.
Die Gewerkschaft kritisiert den Personalabbau, der bald nach der Übernahme
einsetzte.
Es war allen klar, dass hauptsächlich Pflegepersonal abgebaut würde, dass
gespart werden musste, auch im Hinblick auf Veränderung im Gesundheitssystem und
die neuen Rahmenbedingungen bei der Krankenhausfinanzierung. Aber das führte zu
der ersten großen Verunsicherungswelle nach der Übernahme.
Welche Auswirkungen hatte das?
Angst um den Arbeitsplatz. Und Mehrarbeit für diejenigen, die weiter Arbeit
hatten, weil mit Personal sehr knapp kalkuliert wird. Aber es kam ja auch noch
Arbeit dazu, zum Beispiel für die Ärzte, die immer mehr mit
Dokumentationsarbeiten belastet wurden. Doch überproportional gelitten hat das
Pflegepersonal.
Welche Folgen hat das für die Patienten?
Das Pflegepersonal hat einfach nicht
mehr so viel Zeit, sich um die Patienten zu kümmern. Darunter leidet die
Qualität der Pflege. Sich im Krankenhaus wohlzufühlen, hat viel mit Zuwendung zu
tun. Für pflegebedürftige ältere Patienten, die gerade diese Zuwendung
bräuchten, fehlt die Zeit.
Wie ist das Betriebsklima zurzeit?
Im Moment ist es miserabel, weil die
Arbeitsbelastung für Ärzte, aber vor allen Dingen für das Pflegepersonal zu groß
ist. Beide Berufsgruppen sind in einem inneren Zwiespalt. Auf der einen Seite
spüren sie die berufsbedingte Verpflichtung gegenüber den Patienten, Gutes zu
tun. Auf der anderen Seite können sie es nicht, weil die Zeit fehlt. Unter
diesem Spagat leiden die Menschen.
Wie halten sie das aus?
Schlecht. Man sieht das auch an den
hohen Wechselzahlen, besonders bei Ärzten. Viele können anderswo mehr Geld
verdienen und finden bessere Arbeitsbedingungen. Gleiches gilt für die
Pflegekräfte, mit dem Unterschied, dass ihre Möglichkeiten zu wechseln, eben
nicht so gut sind wie die der Mediziner. Viele Mitarbeiter haben noch nicht
vollständig realisiert, dass die Arbeitsbedingungen bei einem börsennotierten
Unternehmen anders sind als bei einem kommunalen Unternehmen.
Wozu führt das?
Zu Frustration. Man wünscht sich, dass
es so ist, wie es früher war. Familiärer und menschlicher Aber so ist es nicht
mehr.
Wie ist es denn?
Wenn der Jahresgewinn im Voraus
kalkuliert wird, und das ist bei Rhön so, muss ein Klinikum eben funktionieren
wie ein Industriebetrieb. Wärme und Menschlichkeit bleiben dabei oft auf der
Strecke. Die Frage ist nur, ob sich das nicht rächt.
Inwiefern?
Menschen werden immer dorthin gehen, wo
sie ein gewisses Maß an Geborgenheit und Zuwendung spüren. Wenn Menschen krank
sind, haben sie auch Sorgen. Sie brauchen Aufmunterung. Bei einem Auto kann ich
den Motor austauschen. Dann fährt es wieder fünf Jahre lang, ohne Emotionen.
Aber wenn Emotionen fehlen, bleibt der Mensch auf der Strecke. So stelle ich mir
die Medizin der Zukunft nicht vor.
Sondern wie?
Was wir brauchen, ist Respekt vor dem
Patienten und seinem Leiden. Ich habe auch Respekt vor dem Pflegepersonal in
Salzgitter. Es tut, was es kann, trotz aller widrigen Umstände. Es wäre schön,
wenn sie dergleichen öfter vom Konzern hören würden.
Wie bewerten Sie die Aussage von niedergelassenen Medizinern hinsichtlich des
angeblichen Ärztemangels auf der Inneren Station?
Es ist richtig, dass zurzeit mehrere
Stellen nicht besetzt sind. Ein wesentlicher Grund ist, wie gesagt, dass gute
Kräfte mit einigen Jahren Erfahrung an anderen Häusern wesentlich bessere
Verdienstmöglichkeiten haben als in Salzgitter. Aber eben auch bessere
Arbeitsbedingungen. Dass die Bedingungen in Salzgitter zurzeit schlechter sind,
hängt zum einen mit der Belastung zusammen, die sich aus dem Ärztemangel ergibt.
Zum anderen aber auch mit dem schlechten Betriebsklima, dessen Gründe ich
dargelegt habe.
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