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Anmerkung des Arbeitskreises
Bürgerbegehren zum Erhalt des Krankenhauses in Salzgitter-Bad:
Der Artikel der
FAZ zeigt die vielen Facetten des Gesundheitswesens, die auch für Salzgitter-Bad
eine Rolle spielen können, zumal die Strategie des Rhön-Konzerns hier in Teilen
dargelegt wird.
Frankfurter Allgemeine Zeitung - 04.08.2008 - Claus
Peter Müller
Zügellosigkeit hinter dem Schutzzaun
In Medizinischen Versorgungszentren arbeiten Ärzte verschiedener
Fachrichtungen ais Angestellte — ein lukratives Geschäftsmodell. Hinter den
Kulissen ist ein Bieterwettstreit um frei werdende Kassenarztsitze entbrannt.
KASSEL, im August. Thomas Brinkmanns erste Praxis, 1982 eröffnet, hatte
achtzig Quadratmeter. Heure empfängt der Internist seine Patienten in einer 430
Quadratmeter großen Gemeinschaftspraxis, die er mit vier Kollegen und einem
Assistenzarzt betreibt. Das Ambiente ähnelt eher einer Kunstgalerie ais einer
Praxis. Das Weinrot der T-Shirts der vierzehn Helferinnen ist auf die
Farbakzente an den Wänden abgestimmt. In die gläsernen Trennwände sind Gedichte
eingeätzt. Die in einer westdeutschen Universitätsstadt angesiedelte Praxis ist
auf Zuwachs angelegt, denn langfristig schließt Brinkmann nicht aus, dass daraus
einmal ein MVZ, ein Medizinisches Versorgungszentrum, wird. Genau deshalb möchte
Brinkmann seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen: Die Angst vor
Veränderungen unter den niedergelassenen Ärzten ist groß, und aus Furcht
erwachst Argwohn und Neid.
Das MVZ ist die Renaissance der DDR-Poliklinik in einem wirtschaftlich
liberaleren System. In einem MVZ arbeiten Ärzte verschiedener verschiedener
Fachrichtungen zusammen, jedoch anders ais in einer Gemeinschaftspraxis oder Praxisgemeinschaft. Das MVZ kauft Kassenärzte und beschäftigt
Ärzte auf diesen Stellen als Angestellte. Eigentümer des MVZ kann eine
natürliche oder eine juristische Person sein, zum Beispiel niedergelassene
Ärzte, Kliniken oder Kapitalgesellschaften. Der Träger des Zentrums muss an der
vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen. Bislang gibt es tausend solcher
Zentren in Deutschland. Davon werden knapp vierhundert unter Beteiligung eines
Krankenhauses geführt. Nur ganz wenige haben bisher mehr ais fünf Fachrichtungen
zu bieten, unterscheiden sich also kaum von Gemeinschaftspraxen.
Brinkmann und seine Kollegen wollen ihre Praxis erweitern und suchen nach dem
Sitz eines Internisten in ihrer Stadt, aber es gibt keinen zu kaufen. Das
Zulassungsgebiet ist zudem gesperrt. Weitere Kassenärzte dürfen sich nicht
niederlassen. Die Stadt gilt ais attraktiv und lukrativ, denn es gibt zahlreiche
Beamte und
damit Privatversicherte. An vielen Orten in Deutschland werden für
Kassenarztsitze, die der Gesetzgeber durch die Zulassungsbeschränkung limitiert
und damit kostbar gemacht hat, horrende Summen geboten. Formal geht es um die
Übernahme der Praxis, um die Räume, die Apparate und das Personal, aber im Kern
zielen die Käufer auf die Lizenz, einen Kassenarztsitz betreiben und mit der
Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen zu dürfen.
Auch defizitäre öffentliche Krankenhäuser beteiligen sich neuerdings vermehrt am
Bieterwettstreit um die freiwerdenden Praxen, um mit Hüfe eines MVZ in die
ambulante Versorgung vordringen zu können. In Berlin soll ein öffentliches
Krankenhaus für den Sitz eines Kardiologen 600.000 Euro bezahlt haben. Hinter
dem Schutzzaun der staatlich regulierten Gesundheitswirtschaft blüht ein
zügelloser Kapitalismus.
Auch wenn Brinkmanns Expansionspläne vorerst an diesem Zaun scheitern, ist
er doch von den Vorzügen des MVZ überzeugt. Wenn das Geschäftliche von einem
Betriebswirt und die Organisation von einer Krankenschwester mit
Hochschulabschluss erledigt werde, konnten sich die Ärzte auf ihre Aufgaben
konzentrieren. Das komme der Qualität ihrer Leistungen zugute. Qualität und
ökonomische Effizienz sind für ihn kein Gegensatz, sondern bedingen einander. Er
investiert in "Hard- und Software", in Geräte und die Köpfe der Ärzte und
Helferinnen. "Früher", sagt Brinkmann, "konnte man mit schlechter Medizin viel
Geld verdienen. Das ist heute anders." Brinkmann sucht die Kooperation mit Krankenhäusern und der Universitätsklinik am Ort. Früher
sei jede Untersuchung im Krankenhaus noch einmal gemacht worden.
Heute tausche er mit der Uniklinik die Patientendaten aus.
Gern würde der Arzt noch enger mit der Uniklinik zusammenarbeiten, zum Beispiel auch in der Studentenausbildung. Doch die Gespräche darüber seien ins Stocken geraten. Auch könne er sich vorstellen, dass ambulant tätige
Ärzte in
Krankenhäusern Patienten mitbetreuen.
Aber viele der Möglichkeiten zur engeren Kooperation, die die Politik geschaffen hat,
klingen in seinen Ohren wie "Zukunftsmusik". Die Verwaltung und die Bürokratie in der
Uniklinik seien noch zu verkrustet. Das kleinere evangelische Krankenhaus am anderen Ende
der Stadt sei da wendiger.
Freigemeinnützige Häuser sind ohnehin experimentierfreudiger. Die
St.-Franziskus-Stiftung in Münster zeigt, was heute schon möglich ist. Der
katholische Non-Profít-Konzern erwirtschaftet im gesamten nordwestdeutschen Raum
nach Angaben des Vorstandes der Stiftung, Klaus Goedereís, einen Jahresumsatz
von 400 Millionen Euro. Auf dem Gelände des St.-Franziskus-Krankenhauses in
Münster entstand für 16 Millionen Euro das Franzískus-Carré, ein modernes
Ärztehaus mit mehr als 5000 Quadratmetern vermietbarer Fläche. Schon ein Jahr
nach seiner Fertigstellung ist das "Carre" mit seiner großzügigen Eingangsmall,
der Cafébar, kleinen Läden, der Apotheke, den medizinischen Dienstleistern und
den knapp zwanzig Praxen voll belegt. Jede Praxis sieht anders aus, jeder Arzt
hat andere Ideen. Die Kreativität ist spürbar und bereichernd. Vierzig
niedergelassene Fachärzte kamen binnen eines Jahres ins Carré. Sie beschäftigen
hundert Mitarbeiter. Der Geschäftsführer der St.-Franziskus-Hospital GmbH,
Burkhard Nolte, und Goedereis denken an eine Erweiterung in Münster oder eine
Duplizierung des Erfolges an einem anderen Standort.
Zunächst hatte Goedereis an die Errichtung eines MVZ gedacht. Ais er seine Idee
auf einer Veranstaltung der Kassenärztlichen Vereinigung schilderte, fürchtete
er, er werde den Saal ^nicht mehr lebend verlassen". Die Vertragsärzte wollten
sich nicht vom Klinikkonzern vereinnahmen lassen, auch nicht von einem, der den
Namen eines Heiligen trug. Die Stiftung ließ daraufhin das MVZ-Konzept fallen
und entschloss sich statt dessen, in der Nähe ihrer Klinik Fachärzte anzusiedeln,
die nicht ais Angestellte arbeiten, sondern die sich ais freie Unternehmer in
eigenen Praxen entfalten sollten. Die Arzte sind nur Mieter. Eine eigens dafür
abgestellte Managerin organisiert die Zusammenarbeit zwischen Praxen und
Krankenhaus.
Das Carré zieht Patienten in die Praxen, aber es rührt auch dem Krankenhaus
welche zu. Vor allem aber optimiere die enge Kooperation die Versorgung und mit
ihr die medizinische Qualität, sagt Chefarzt Michael Möllmann. In zehn Jahren,
schätzen die Münsteraner, werde die fachärztliche Versorgung überall aus solchen
Kooperationen bestehen. Die spezialisierte Versorgung auf dem Land werde zu
teuer.
Doch Münster ist nicht überall. In Berlin und in den neuen Ländern haben Ärzte
und Patienten weit weniger Vorbehalte gegen Medizinische Versorgungszentren ais im Westen. Deutschlands größtes MVZ ist das Polikum ín
Berlin. Es besteht aus fünf eigenständigen Zentren,
darunter die ehemalige "Poliklinik Friedrich Wolf" in Lichtenberg. Das Polikum
beschäftigt etwa achtzig Ärzte auf 65 Kassenarztsitzen aller Fachrichtungen. Es
gehört dem Allgemeinarzt und Gesundheitsökonomen Wolfram Otto. Der Stratege in der Geschäftsleitung
ist Felix Cornelius, ein Informatiker aus Aachen. Im
Quartal behandelt das Polikum etwa
15 000 Patienten. Am Tag sind es bis zu
1500.
Die Mitarbeit im MVZ befreit den Arzt
von unternehmerischen Investitionsrisiken und entlastet ihn von Bürokratie, der
Personalauswahl, der Mitarbeiterführung
und vielen anderen Sorgen eines Kleinunternehmers. Außerdem kommt er in den
Genuss geregelter Arbeitszeiten. Die Angestellten im Polikum arbeiten in zwei Schichten von
8 bis 14 und von 14 bis 20
Uhr. Das Zielgehalt der Ärzte im Polikum
entspricht dem eines Arztes in freier Praxis abzüglich eines Betrages von 15 bis 20
Prozent für jene Leistungen, die das Polikum dem Arzt bietet, indem es Räume, Ausstattung oder Personal bereithält. Das
Grundgehalt liegt unter dem Zielgehalt.
Letzteres erhält der angestellte Arzt nur dann, wenn er so erfolgreich arbeitet wie
ein selbständiger Kollege.
Die Nachfrage nach medizinischer
Dienstleistung schwankt im Polikum von
Tag zu Tag. Montags ist am meisten zu
tun. In der Belastungsstatistik folgen Donnerstag und Dienstag. Der Freitag ist
stiller, und der Mittwoch isi traditionell der
ruhigste Tag. Darauf stellt sich das Polikum mit der Besetzung der Sprechzimmer und der Behandlungsräume ein. Es
kann "atmen" wie eine moderne Fabrik. Über der Kostenoptimierung wird aber
auch hier die Qualitätssicherung nicht
vernachlässigt. Schon an der Rezeption
wird der Patient um Schulnoten gebeten.
Er soll den Empfang bewerten und den
Arzt. Jede Beschwerde, heißt es, sei ein
Geschenk. Im Polikum werden alle Patientendaten elektronisch erfasst. Je der Arzt,
der einen Patienten innerhalb des Políkums behandelt, hat Zugang zu dieser Patientendatei und kontrolliert
mithin den
Kollegen. Allein diese Transparenz, sagt
Cornelius, führe zu mehr Abstimmung in
Diagnose und Therapie. Sie hehe die Gesamtverantwortung der Ärzte und die
Qualität des Hauses.
Das Polikum handelt mit den Kassen
Behandlungsvertrage aus. Für Patienten,
die bereit sind, sich nur eine Weile an das
Polikum zu binden, erhält es einen bestimmten Betrag. Ist die "integrierte Versorgung" so erfolgreich,
dass die Kasse außerhalb der ambulanten Versorgung -
im Krankenhaus oder in der Apotheke — Geld spart, erhält das Polikum einen Anteil an den Einsparungen. Sollte darunter
die Qualität leiden, wird die Kasse dies in der nächsten Verhandlungsrunde thematisieren — oder die Patienten entscheiden
mit den Füßen. Sie kündigen ihren Vertrag oder schließen keinen neuen ab. Cornelius glaubt, dass dies die Zukunft der
Versorgung der gesetzlich, aber auch die
der privat Versicherten sein wird. Der Patient werde sein gegenwärtiges Wahlrecht
einschränken, um eine qualitativ und ökonomisch optimierte Betreuung zu erhalten. Das künftige Wahlrecht werde
in der
Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Behandlungsvertrag oder für
oder gegen die Mitgliedschaft in einerbestimmten Krankenkasse liegen.
Auch die großen privaten Klinikkonzerne bauen ihre Versorgungszentren aus.
Die Rhön-Kliníkum AG sieht es als Herausforderung, durch eine Optimierung
der Prozesse und Strukturen auch in Zukunft eine umfassende medizinische Versorgung
aller Sozialversicherten gewähren zu können. Gegenwärtig aber, lautet
die Analyse des Konzerns, werden zu viele Patienten unter- oder überversorgt.
Rhön will mit Portalkrankenhäusern, die
wie Satelliten die großen Häuser umgeben und über Datenleitungen mit diesen
verbunden sind, sowie mit neuen Medizinischen Versorgungszentren die ambulante Versorgung auf dem Land mit Kliniken
der Maximalversorgung bis hin zum Uniklinikum verbinden. Denn die fachärztliche Versorgung auf dem Land,
da sind sich der katholische Franziskus und der börsennotierte Rhön-Konzern einig,
werde kaum aufrechtzuerhalten sein.
Um Ärzte für ein MVZ zu gewinnen,
will die Rhön AG Vertragsärzten anbieten, ihren Kassenarztsitz in örtliche Gesundheitsunternehmen einzubringen und
gegen Geschäftsanteile an diesen zu tauschen. Bald schon soll das erste Pilotprojekt starten. Es könnte in
den neuen Ländern liegen - wo Engpässe in der Behandlung auf dem Lande am ehesten spürbar
werden und wo das System der Polikliniken vielfach in guter Erinnerung ist.
Rhön will die Arzte mit bis zu 49 Prozent
an den neuen, lokalen Gesundheitsunter-
nehmen beteiligen.
Brinkmann wäre das nicht genug. Er
will die Mehrheit an seinem MVZ, wenn
er es denn jemals gründen sollte. Während der Internist darauf hinarbeitet, hegt
eine gro6e Zahl ambulant tätiger Ärzte
weiterhin starke Vorbehalte dagegen, ihren Status ais Freiberufler gegen eine unselbständige Beschäftigung einzutauschen. Langfristig
werden sie den vom Gesetzgeber erwünschten Trend nicht aufhalten können. Spätestens bei der Praxisübergabe werden die Freiberufler immer
öfter das Nashsehen gegenüber den zahlungskräftigeren Medizinischen Versorgungszentren haben.
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