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Braunschweiger Zeitung - 26.11.2009 - Cornelia Steiner

"Viele junge Krankenhaus-Ärzte sind frustriert"

Die Gründe für den Ärztemangel: Weiterbildung ist teilweise mangelhaft, Arbeitszeiten sind oft nicht familienfreundlich, Bürokratie nimmt zu

Von einer Ärzte-Schwemme war noch vor einigen Jahren die Rede. Heute klagen nicht nur die niedergelassenen Ärzte über Nachwuchsmangel. Auch vielen Krankenhäusern gelingt es oft nicht, freie Stellen zu besetzen.

Die Misere in den Kliniken hat vor allem zwei Ursachen. Der eine Punkt ist die Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes: Die täglichen Dienstzeiten wurden verringert, Ruhezeiten erhöht. Für die Krankenhäuser bedeutet dies meistens, dass sie mehr Personal benötigen.

Der zweite Punkt sind die Absolventen an den Universitäten: Zwar liegt die Zahl der Absolventen seit mehreren Jahren relativ stabil bei 9000 bis 10 000 - und die meisten Medizinstudenten haben zum Beginn ihres Studiums den Wunsch, direkt mit Patienten arbeiten.

Immer mehr dieser jungen Leute entscheiden sich jedoch im Laufe des Studiums gegen die Arbeit im Krankenhaus oder gegen die Arbeit in Deutschland. Ein Teil geht ins Ausland, andere gehen etwa in die Pharmaindustrie, zum Medizinischen Dienst der Krankenkassen, in die Medizintechnik oder zu Unternehmensberatungen.

Diese Entwicklung hat mehrere Gründe:

Ein entscheidender Fakt ist die Qualität der Facharztausbildung in Krankenhäusern. Nach dem langen Studium kommen die Absolventen als Assistenzärzte an die Kliniken, wo dann die Weiterbildung zum Facharzt erfolgen soll. "In einigen Krankenhäusern ist die Weiterbildung aber schlecht organisiert, teilweise ist sie desaströs", sagt Elke Buckisch-Urbanke, Vorsitzende des Marburger Bundes in Niedersachsen, der Gewerkschaft der Klinikärzte.

Die Arbeitsbelastung für die Assistenzärzte sei mitunter so hoch, dass man aus zeitlichen Gründen nicht an Weiterbildung denken könne. "Die Arbeit ist sehr verdichtet: Viele Patienten mit kurzer Liegedauer sollen von wenigen Ärzten schnell behandelt werden. Vor allem junge Ärzte sind dadurch frustriert, obwohl sie ihren Beruf gern ausüben", so Buckisch-Urbanke.

In den Krankenhäusern sind die Dienstzeiten zwar nicht mehr so lang, wie noch vor einigen Jahren. Dennoch lassen sich die Arbeitszeiten durch Überstunden, Nacht-, Bereitschafts- und Wochenenddienste oft nur schwer mit einer Familie vereinbaren. Mehr als 60 Prozent der Absolventen sind aber Frauen, Tendenz steigend.

Die Bürokratie und Papierarbeit im Krankenhaus nimmt zu. So klagt etwa Reinhard Ebeling, Direktor des Kreiskrankenhauses in Helmstedt: "Die Ärzte müssen mehr dokumentieren, und sie werden immer häufiger durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen beschäftigt. Die Kontrolleure prüfen routinemäßig Diagnosen und Abrechnungen. Das soll die Kassen von unnötigen Ausgaben entlasten, aber uns belastet es, denn es bindet immens viel Arbeitszeit."

Der Verdienst spielt offensichtlich eine eher untergeordnete Rolle bei der Entscheidung für oder gegen die Arbeit im Krankenhaus. Professor Cornelius Frömmel, Sprecher der Universitätsmedizin Göttingen, stellt fest, dass es den Absolventen in erster Linie um Stressfreiheit, Vereinbarkeit mit dem Familienleben und um Anerkennung geht. "Teilweise gibt es in Krankenhäusern noch sehr strenge Hierarchien, die jungen Ärzten kaum Gestaltungsraum lassen. Auch das ärgert viele."

Der Verdienst beeinflusst die Entscheidung eines Arztes am ehesten dann, wenn er sich zwischen verschiedenen Krankenhäusern entscheidet. So liegen kommunale Krankenhäuser und Kliniken privater Betreiber in etwa gleich auf, teilweise hat der Marburger Bund mit den Privaten etwas bessere Tarifabschlüsse erreicht. Etwas schlechter schneiden in der Regel Häuser in kirchlicher Trägerschaft ab, sagt Elke Buckisch-Urbanke.

Die Krankenhäuser in unserer Region stellen sich auf die neue Situation ein. So sagt etwa Robert Riefenstahl, Geschäftsführer der Asklepios-Harz-Kliniken: "Wir müssen einiges ändern und uns als attraktive Arbeitgeber präsentieren, dann bekommen wir auch die Ärzte, die wir brauchen."

Dort wie auch in anderen Krankenhäusern ist man deswegen bemüht, die Aus- und Weiterbildung zu verstärken und familienfreundliche Arbeitszeiten einzuführen. Das Klinikum Wolfenbüttel hat außerdem Dokumentations-Assistenten eingestellt, die Ärzte von Bürokratie entlasten sollen.

Viele Krankenhäuser suchen händeringend nach Ärzten - einige gehen dafür neue Wege: Sie versuchen, Ärzte von Bürokratie zu entlasten und die Arbeitszeiten familienfreundlicher zu gestalten.

Braunschweiger Zeitung: 26. November 2009, Hintergrund, Seite 03

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